Schaffhauser Nachrichten, Buchbesprechung, Dezember 2011, Print


Occupy Yourself: Raus aus der Bank


Wie ein isländischer Bankangestellter viel verliert und sich dafür selber zurückgewinnt


Von Adrian Witschi


„Meine Abteilung wurde eben dichtgemacht.“
„Gerade eben?!“
„Ja, genauer gesagt, das ganze Unternehmen, in der Form, wie es ist – war.“


Dieser Auszug aus einem Telefongespräch des Protagonisten Markus mit seinem Vater markiert den Anfang vom Zusammenbruch des isländischen Bankensystems. Gleichzeitig ist es der Startschuss zu Gudmundur Oskarssons preisgekröntem Roman über die isländische Finanzkrise und ihre psychischen und sozialen Folgen für die betroffene Bevölkerung.
„Bankster“ erzählt im Wesentlichen die Geschichte von Markus und Harpa, einem jungen Paar aus Reykjavik. Beide arbeiten auf einer Bank und sind getrieben von der Vorstellung einer erfolgreichen Zukunft im Wohlstand. Als sie im Zuge der Finanzkrise im Oktober 2008 beide ihre Stellen verlieren, sehen sie sich plötzlich mit einem neuen Leben konfrontiert. Ein Leben ohne Perspektiven, dafür mit viel Zeit für sich selbst. Während Harpa der Monotonie der Arbeitslosigkeit entflieht und nach kurzer Zeit eine neue Anstellung als Lehrerin annimmt, hält Markus inne. Sein Alltag wird fortan bestimmt von ausgedehnten Spaziergängen durch die Strassen Reykjaviks, auf denen er seiner Umwelt mit einer neu gewonnenen Achtsamkeit begegnet. Anfänglich mag er sein neues Leben nicht, ist zerfressen von Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen. Auf Geheiss eines Freundes, dem Historiker Vesteinn, beginnt er seine Beobachtungen und Gedanken in einem Tagebuch festzuhalten. Das Schreiben scheint ihm Halt zu geben. „Ich habe das Gefühl, etwas zu bauen oder zumindest einen Gehweg aus kleinen Steinen zu legen, wenn ich Wort an Wort schreibe auf diese tauben Linien“, notiert er am 24. November in sein Tagebuch. Und als er knapp zwei Wochen später wieder bei seinem ehemaligen Arbeitsgeber, der isländischen Landsbanki, zu arbeiten anfängt, reicht er bereits nach drei Tagen die Kündigung ein. Markus will und kann nicht mehr zurück, er hat sich verirrt, in einem verheissungsvollen Labyrinth aus Melancholie, Neugier und Erkenntnis. In diesem Wirrwarr scheint es für die zielstrebige Harpa unmöglich zu sein, ihren alten Markus wieder zu finden. „Mein Markus ist anscheinend eine Bank, die zusammengebrochen ist“, räsoniert sie an einer Stelle und bringt damit zum Ausdruck, was sich im Verlaufe der Geschichte immer deutlicher abzeichnet: Die Liebesbeziehung der beiden beginnt zu bröckeln und sie entfernen sich zunehmend voneinander.
Mit „Bankster“ hat Oskarsson ein feinfühliges Buch zur Finanzkrise geschrieben. Es geht ihm dabei nicht so sehr um Hintergründe und Schuldige, sondern vielmehr um Menschen in einer Krise und was sie daraus machen. Einige verzweifeln, andere machen einfach weiter. Markus nützt die Zeit zur Rückbesinnung auf seine eigene Person und ihre Wurzeln: die isländische Kultur. Es verwundert daher wenig, dass anhand von Büchern, welche Markus liest, auch immer wieder Verweise auf die isländische Literatur und ihre lange Tradition gemacht werden. Oskarssons Sprache ist einfach und treffend, ohne je wirklich banal zu wirken. Auch wenn einige der Bilder, vor allem im ersten Teil des Buches, etwas gar einfach konstruiert sind. Die Tagebucheinträge werden jedoch im Verlauf des Romans zunehmend literarischer und wenn Markus seiner Harpa am Schluss eine fiktive Postkarte aus Barcelona schreibt, dann ist das nichts weniger, als grosse Literatur.


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